24. Januar 2019 | 11:23

Wirtschaftlicher Wettstreit, kein «Krieg»

Von François Launaz, Präsident auto-schweiz, Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure

 

Manchmal bekomme ich das Gefühl, gewisse Medien gewichten Schlagzeilen höher als den Inhalt des Artikels, der darunter steht. So war kürzlich im Gratis-Pendlerblatt «20Minuten» zu lesen: «Auto-Experte verkündet ‘Krieg der Welten’». Klingt martialisch, soll es auch. Der Artikel handelte vom Vortrag von Prof. Dr. Stefan Bratzel am «Tag der Schweizer Garagisten» Mitte Januar in Bern, einem Anlass des AGVS. Bratzel ist Gründer des Center of Automotive Management (CAM) und Hochschulprofessor für Automobilwirtschaft in Deutschland. Ohne Zweifel kann man ihn als Auto-Experten bezeichnen. Doch eine differenziertere Betrachtung seines pointierten Vortrags wäre doch angezeigt gewesen.

Wenige neue Thesen

Professor Bratzel hat vor rund 800 Gästen im Kursaal Bern skizziert, wie er die aktuelle und vor allem zukünftige Entwicklung der Automobilbranche sieht. Im Zuge der Digitalisierung würde die geteilte Mobilität – Car Sharing, Ride Hailing etc. – bald der Kern des eigentlichen Fahrzeug-Geschäftes werden. Und diese Fahrzeuge sollen künftig elektrisch und von selbst, also autonom, fahren. Thesen dieser Art sind nicht ganz neu und es steckt mehr als nur ein Funke Wahrheit dahinter, das gebe ich gerne zu. Doch einen «Krieg der Welten» auszurufen, der sich aus dem wirtschaftlichen Wettstreit zwischen den Automobilherstellern und den neuen Anbietern aus der digitalen Welt wie Apple, Google, Uber etc. ableitet, halte ich schon sprachlich für verfehlt. Angesichts des Leides, welches reale Kriege auch heute auf unserem Planeten verursachen, ist die Verwendung des Begriffs für eine Konkurrenzsituation in der Wirtschaft meines Erachtens unpassend.

Auch inhaltlich sehe ich die Ausgangslage anders. Wussten Sie, dass kein Kutschenhersteller die Transformation in die automobile Welt geschafft hat? Anfang des 20. Jahrhunderts feierte das Auto seinen rasanten Durchbruch und Pferdekutschen waren auf einmal nicht mehr gefragt. Dieser Vergleich wird oft und gerne verwendet, wenn es um künftige Mobilitätsformen und etablierte Autohersteller geht. Doch im Gegensatz zu den Kutschenproduzenten sind sich die Automobilhersteller ihrer Lage bewusst. Und den möglichen Veränderungen ihres Geschäftes.

Massive Investitionen seitens der Hersteller

So investiert alleine der Volkswagen-Konzern in den kommenden fünf Jahren die unglaubliche Summe von 44 Milliarden Euro in seine digitale und elektrische Zukunft – das entspricht fast dem gesamten Börsenwert von Tesla. Ähnliche Beträge werden bei anderen Herstellern genannt, seien es japanische, französische, amerikanische, deutsche oder koreanische. Ganz zu schweigen von chinesischen oder indischen Konzernen. Die etablierten Unternehmen sind also gewappnet und stellen sich auf die neuen Bedingungen ein. Ein «Krieg der Welten» wäre es wohl höchstens, wenn sie an alten Rezepten festhalten würden, um gegen neue Ideen zu kämpfen. Das ist mitnichten der Fall.

Eine andere Frage stellt sich bei der Geschwindigkeit des Wandels. Die Pferdekutschen sind vor rund einhundert Jahren tatsächlich recht schnell als weitverbreitetes Verkehrsmittel verschwunden. Doch der enorme Vorteilssprung vom Pferd zum Auto liegt auf der Hand, insbesondere bei der Reisegeschwindigkeit und der Handhabung. Ähnlich wie beim Übergang vom Handy zum Smartphone. Wie schnell sich neue Mobilitätsformen behaupten und möglicherweise durchsetzen können, wird die Zeit zeigen. Und ob Professor Bratzel mit seinen Thesen recht behalten wird.


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