68’000 Staustunden sind ein Weckruf
Thomas Rücker, Direktor auto-schweiz
Die neusten Zahlen des Bundesamts für Strassen (ASTRA) sind alarmierend: 68'040 Staustunden auf den Schweizer Nationalstrassen im Jahr 2025 bedeuten einen traurigen neuen Rekord; ein Anstieg von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders betroffen sind namentlich die A1 Genf – St. Gallen, A2 Basel – Chiasso und A3 Basel – Sargans.
Die Nationalstrassen übernehmen eine Schlüsselrolle im Schweizer Verkehrssystem. Sie entlasten Städte, Agglomerationen und Dörfer vom Durchgangsverkehr und gewährleisten die Erreichbarkeit der Regionen für Menschen und Waren. Obwohl sie lediglich rund drei Prozent des gesamten Strassennetzes ausmachen, wurden 2025 nahezu 45 Prozent aller Fahrzeugkilometer auf ihnen gefahren.
Die oben erwähnten Staus entstehen nicht, wie von manchen vermutet, wegen Baustellen oder Unfällen. Neun von zehn Staustunden sind laut dem ASTRA auf Überlastung zurückzuführen. Der starke Anstieg der Staustunden ist ein Hinweis auf strukturelle Engpässe. Das kennen wir alle: Wir stehen längst nicht mehr nur im Pendlerverkehr fest – sondern auch zu anderen Zeiten, egal ob Werktag oder Wochenende. Auf neuralgischen Streckenabschnitten ist es oft ein Dauerstau.
Entlastung ist nicht in Sicht: Im eben vorgelegten Ausbauschritt 2027 des Infrastrukturprogramms Verkehr ‘45 setzt der Bundesrat ganz andere Schwerpunkte. Für den Bahnausbau sind rund 20 Milliarden Franken und für die Nationalstrassen nur 1,6 Milliarden Franken eingeplant. Das sind zwölf Mal weniger für die Strasse.
Die Verkehrspolitik sollte sich an der tatsächlichen Nutzung orientieren. Und die fällt anders aus als viele meinen: Rund drei Viertel aller Personenkilometer werden auf der Strasse zurückgelegt. Auch beim Güterverkehr bleibt sie der wichtigste Verkehrsträger. Zwei von drei transportierten Tonnen gelangen per Lastwagen ans Ziel. Ob Arbeitsweg, Warenlieferung oder Familienausflug – die Strasse bleibt das Rückgrat der Schweizer Mobilität und Versorgung. Trotzdem wird die Bedeutung der Strasse in der politischen Planung ignoriert.
Dabei ist das Auto für die grosse Mehrheit der Bevölkerung nach wie vor das wichtigste Verkehrsmittel. Weil es flexibel, zuverlässig, jederzeit verfügbar, praktisch und ein Element der Freiheit als auch der Unabhängigkeit darstellt. Gerade ausserhalb der grossen Zentren ist ein Verzicht aufs Auto undenkbar.
Die Folgen der falschen Prioritätensetzung sind unübersehbar. Wo die Nachfrage kontinuierlich steigt, die Infrastruktur aber kaum erweitert wird, entstehen Engpässe. Diese kosten Zeit, Nerven und Geld. Staus verursachen jedes Jahr volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. Hinzu kommen unnötige Emissionen durch ständiges Abbremsen und Anfahren.
Besonders stossend ist auch die Finanzierung. Die Automobilisten leisten einen erheblichen Beitrag an die Bundeskasse. Allein die Einnahmen aus Treibstoffabgaben beliefen sich 2025 auf mehr als vier Milliarden Franken. Trotzdem fliesst ein beträchtlicher Teil dieser Mittel nicht in die Strasseninfrastruktur, sondern zweckentfremdet in andere Verkehrsträger oder schlicht in die allgemeine Bundeskasse. Dies widerspricht dem Prinzip der Verursachergerechtigkeit und belastet die Automobilisten gleich doppelt: Sie zahlen unnötig hohe Abgaben und stehen trotzdem im Stau.
Die Rekordstaus des vergangenen Jahres sind keine statistische Randnotiz, sondern ein Weckruf. Wer Verkehrsinfrastruktur für die Zukunft plant, sollte sich an den Bedürfnissen der Menschen und der Wirtschaft orientieren – und dort investieren, wo die Verkehrsinfrastruktur heute und morgen tatsächlich gebraucht wird. Damit aus «Steh»-zeugen wieder Fahrzeuge werden.