Die Europäische Union (EU) hat die Zeichen an der Wand erkannt: Sie muss ihrer Wirtschaft Sorge tragen. Die strengen Klimaziele, die starren Regulierungen und die fehlenden Anreizstrukturen belasten die Automobilindustrie, einen der wichtigsten Wirtschaftssektoren, stark. Doch nun ist der Ruck erfolgt.
von Mario Bonato, Ökonom bei auto-schweiz

Die selten für ihre Agilität gelobte EU hat dieses Jahr gleich vier Initiativen gestartet, um den Automobilsektor wiederzubeleben. In ihrem «strategischen Dialog» brachte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anfangs Jahr die wichtigsten Akteure zusammen, um die drängendsten Bedürfnisse der Wirtschaft abzuholen und zu sammeln. Zwei Monate später folgte der «Automotive Action Plan». Eines der Kernstücke dieses Aktionsplans ist die dringende Flexibilisierung der CO2-Ziele für die Jahre 2025 – 2027, welche seit Sommer 2025 bereits verabschiedet wurde. Mittels einer Durchschnittsbildung über drei Jahre können die Automobilhersteller die Zielerreichung mit voraussichtlich geringerer Sanktionsbelastung bewältigen. Dazu folgte der sogenannte «Omnibus», der eine drastische Vereinfachung des Regulierungskorsetts auch im Automobilsektor anstrebt. Zusätzlich wurden etliche Gelder gesprochen, um die Transformation hin zur Klimaneutralität im Strassenverkehr zu unterstützen. Als letzte Einsicht, dass die Überregulierung bei der Klimazielerreichung erheblichen wirtschaftlichen Schaden nach sich zieht, wurde im Dezember 2025 das «Automotive Package» verabschiedet. Damit wurde die Technologieoffenheit gestärkt, indem am faktischen «Verbrenner-Verbot» nicht mehr festgehalten wird. Jüngst wurde nun das CO₂-Regime für Lastwagen gelockert mit einer Flexibilisierung der CO₂-Ziele bis 2029.

Flexibilisierung der Klimaziele
Gemessen an der öffentlichen Berichterstattung hat die Flexibilisierung der CO2-Ziele die wohl grösste Signalwirkung. Diese Ankündigung verabschiedet sich von einem dogmatischen Weg und berücksichtigt endlich die Marktrealität. Es ist ein überfälliges Eingeständnis, dass bis 2035 in Europa kein tragfähiges Ökosystem für Elektromobilität geschaffen werden kann. Der industriepolitische Fehler erfuhr nun eine sanfte Kurskorrektur. Neu wird eine offene Technologieausgestaltung zur Erreichung der Klimaziele ermöglicht. Die EU will damit verhindern, dass Sanktionszahlungen in Milliardenhöhe fällig werden, welche die europäische Automobilindustrie in einer Phase des Um- und Aufbruchs stark belastet hätte. Zudem ist es auch eine Anerkennung der Branchenbemühungen, dass die technische Grundlage für emissionsarme Fahrzeuge in allen Produktsegmenten mit mehreren hundert Produkten marktreif, bezahl- und skalierbar aufgebaut wurden.

Deregulierung hat Priorität
Die EU-Kommission hat zudem weitere «Omnibus-Initiativen» aufgegleist. Diese sollen den Bürokratieabbau und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit im Binnenmarkt vorantreiben. Regulatorische Anforderungen sollen vereinfacht, administrative Lasten und Bürokratiekosten reduziert werden. Die Initiativen sollen jährlich volkswirtschaftliche Einsparungen von über 14 Milliarden Euro ermöglichen. Davon fallen 700 Millionen Euro im Automobilsektor an. Durch besseren Vollzug und Nachweisführung, sowie Rücksichtnahme auf die Wirtschaftsakteure, sollen die Regulierungen deutlich kosteneffizienter werden.
Hinzu kommen wesentliche regulatorische Änderungen. So sollen grosse internationale Testzonen und eine Harmonisierung der Verkehrsregeln für automatisiertes Fahren entstehen. Eine Initiative will das bi-direktionale Laden vereinfachen und die Bewilligungsverfahren verkürzen. Wichtig sind auch neue Transparenzregeln an Ladestationen (AFIR), um den Preiswettbewerb besser spielen zu lassen.

Die EU setzt auf Anreize und Investitionen
Hehre Ziele des Regulators allein nützen nichts. Es braucht die richtigen Rahmenbedingungen. Die EU kombiniert direkte Finanzierungszusagen und Umlenkungen bestehender Fonds, um die Transformation zur Klimaneutralität durch Anreize zu steuern. Dazu gehören:
- ein «Battery Booster» im Umfang von 1,8 Milliarden Euro
Das Ziel ist, eine eigene Lieferkette von Hochvoltbatterien in Europa aufzubauen.
- Forschung bei Horizon Europe von rund einer Milliarde Euro
Mit diesem Geld soll Forschung im Bereich automatischer Fahrzeuge und Batterieentwicklung betrieben werden
- Alternative Treibstoffinfrastruktur von 2,8 Milliarden Euro
Der Grossteil davon fliesst in alternative Kraftstoff- und Ladeinfrastruktur für Personenwagen, aber auch in Ladepunkte für schwere Nutzfahrzeuge.

Abb. 1: Geplante Ausgaben der EU im Automobilsektor

Quelle: EC 2026

So kommen mehr als 5,5 Milliarden Euro zusammen, welche das Ökosystem zukunftsfähig machen sollen. Im Weiteren sind etliche Finanzierungsarten vorgesehen, wie etwa «Social Leasing», um die Elektromobilität für breitere Bevölkerungskreise verfügbar zu machen.

Was macht die Schweiz?
In Innovationsrankings steht die Schweiz regelmässig auf dem ersten Platz – in Sachen Konkurrenzfähigkeit ebenfalls. Doch für einmal verfällt Bundesbern in ungeahnte Bequemlichkeit und macht wenig oder das Falsche.
Die Bundesverwaltung und das Parlament verkennen die Zeichen der Zeit. Während die EU im Dringlichkeitsverfahren ihre Änderungen durch die Institutionen schleust, schaut unsere Verwaltung geduldig zu. Zu den horrenden Sanktionszahlungen, die wegen der ausbleibenden Flexibilisierung der CO2-Ziele anstehen, meint der Bundesrat überraschenderweise, es seien «keine Verwerfungen auf dem Markt aufgrund der CO2-Emissionsvorschriften» zu erwarten. Erst im Januar 2026 hatte eine Kommission des Nationalrats eine Flexibilisierung der CO2-Ziele analog zur EU versenkt, was wenig hilfreich ist. Und wenn nicht zugeschaut wird, lenkt der Bundesrat mit Vorlagen zur Verteuerung der Elektromobilität (Ersatzabgabe für Elektrofahrzeuge und Verteuerung der Leistungsabhängigen Schwerverkehrsabgabe) unser Ökosystem in die Sackgasse.

Was bleibt zu tun?
Das Schweizer Stimmvolk hat sich eindeutig zum Netto-Null-Ziel im Jahr 2050 bekannt, und auch die hiesige Automobilbranche steht voll hinter diesem Ziel. Doch der Weg dahin ist weitestgehend offen. Was die Automobilwirtschaft braucht, sind Flexibilität und Technologieoffenheit. Die Europäische Kommission begründet ihre jüngsten Initiativen im Automobilsektor mit einem «kritischen Wendepunkt»: rasche technologische Umbrüche, verschärfter globaler Wettbewerb sowie der Anspruch, Klimaziele mit Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit zu verbinden. Auch die Schweiz muss grosse Anstrengungen unternehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und einen zentralen Wirtschaftssektor nicht abzuwürgen. Das bedeutet: flexibilisieren, deregulieren und die richtigen Anreize setzen. Anderenfalls müssten Bevölkerung und Wirtschaft unter stark steigenden Mobilitätskosten leiden.